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Stimmanalyse im Gesangsunterricht

Cordula Maria Ledwoch über den Overtone Analyzer:

Der Overtone Analyzer ist eine von Bodo Maass und Wolfgang Saus entwickelte Software, die ursprünglich zur Analyse und Darstellung von Frequenzmustern beim Obertongesang entwickelt wurde. Dabei werden die Töne in Form von Linienmustern dargestellt, die durch Farbe (Dezibel), Struktur (Intensität), Schichtung (Frequenz) und Länge (Zeitablauf) die Eigenschaften der Klänge sichtbar machen. Hierdurch lassen sich feinste Unterschiede erkennen, die ein untrainierter Hörer unmöglich bemerken würde. Durch unterschiedliche Einstellungen lassen sich die einzelnen Aspekte der Tonanalyse noch differenzierter begutachten. Beim Ansteuern eines beliebigen Punktes innerhalb des Frequenzbildes mit dem Cursor bekommt man außerdem die genauen physikalischen Werte (Hz, Db, Tonlage - + x Cent, usw.) dieses speziellen Punktes angegeben. Die Analyse wird dabei wie eine normale Tonspur mitgeschnitten und lässt sich mit der Darstellung und allen dazu gehörenden Informationen abspeichern. Sie kann später wieder abgespielt, geschnitten und auch in unterschiedlichen Formaten abgespeichert werden.

Ich arbeite seit Mai 2008 mit diesem Oberton - Analyse - Programm. Nachdem ich mir mehrere andere Stimmanalyse - Programme angesehen hatte, war es für mich eine regelrechte Offenbarung, wie einfach diese Software zu bedienen ist. Ich bin ein richtiger Computer-Legastheniker und benötige meistens sehr viel Zeit und Einweisung von Fachleuten, bis ich mit einer Software etwas anfangen kann. Der Overtone Analyzer ist in seinen Grundfunktionen so leicht und logisch zu bedienen, wie ein schlichter Cassettenrecorder.

Als Gesanglehrerin habe ich schon vorher meinen Gesangsunterricht, wenn es der Schüler wünschte, mitgeschnitten. Ich bin also nur auf ein anderes Aufnahme-System umgestiegen. Das einzige, was ich sonst noch benötigte, war ein qualitativ gutes Mikrofon mit USB- Stecker (Kostenpunkt: ca. 80,-€).

Der Overtone Analyzer ist, trotz seiner einfachen Bedienbarkeit sehr flexibel in den Einstellungsmöglichkeiten. Ich kann die verschiedenen Funktionen in immer neuen Kombinationen benutzen. Nicht benötigte Funktionen kann ich extrem verkleinern, oder sogar wegschalten.

Ich kann die Auflösung des Bildes in der Zeitachse, im Frequenzspektrum und in der Lautstärke individuell einstellen. Durch unterschiedliche Farbspektren (Falschfarben) lassen sich die Darstellungen entweder sehr wissenschaftlich hart oder fast künstlerisch schön gestalten. Je nachdem, woran ich gerade mit meinem Schüler arbeite ist dies eine wichtige (aber unmerkliche) psychologische Unterstützung. Zum Beurteilen des Tones kann ich außerdem die unterschiedlichsten Parameter überprüfen. Beim Abspeichern kann ich zwischen mehreren Formaten wählen.

Ich empfinde es generell als empfehlenswert den Gesangsunterricht mitzuschneiden, da der Schüler sich nichts mitschreiben muss und trotzdem später alle Übungen und Entwicklungen der Stunde rekapitulieren kann. Und ich kann mir eine gespeicherte Stunde später (in Abwesenheit des Schülers) noch mal aus dem Archiv holen und nach Strategien für ein Problem suchen.

Beim Overtone Analyzer kommt hierzu noch der Vorteil, dass ich während des Gesangsunterrichtes jederzeit an einer Stelle die Aufnahme unterbrechen und einen Abschnitt wiederholt vorspielen kann. Durch die oben abgebildete Tonspur kann ich sogar verschiedene Zeitpunkte der Stunde anklicken und vergleichend vorspielen. Die meisten Gesangschüler sind während der Stimmarbeit ziemlich aufgeregt und abgelenkt. Deshalb ist es ihnen nicht möglich die feinen Unterschiede in Klang und Farbe ihrer Stimme parallel zum Singen wahrzunehmen. Dadurch merken sie oft nicht, wenn sie etwas richtig gemacht haben. Dies gilt insbesondere für Anfänger und sehr junge Menschen. Durch den Overtone Analyzer kann ich eine Verbesserung sofort auf den Punkt bringen und festigen. So kann der Schüler sie von da an als klare Form erkennen und weiß mit welchen Mitteln er sie erreichen kann.

Ein weiterer Vorteil ist die Visualisierung des Tones und seines Obertonspektrums.

Ein Gesanglehrer hat aufgrund seiner Ausbildung und Gesangsunterrichts- Erfahrung ein sehr feines Gehör und eine gute Unterscheidungsfähigkeit von Tonhöhen, Frequenzverschiebungen und Textur- Veränderungen der Stimme. Er hört sie sozusagen multidimensional. Deshalb benötige ich dieses Programm nicht unbedingt, um meine Arbeit als Lehrerin gut auszuüben. Trotzdem hat mir die Arbeit mit dem Overtone Analyzer geholfen die vielen kleinen Wahrnehmungen, die bei einem Gesanglehrer ja mehr instinktiv als bewusst ablaufen, zu verifizieren. Zu meinem großen Erstaunen entdeckte ich bei Sing-Fehlern meiner Schüler, die ich selbst als minimal empfand, deutlich sichtbare Unterschiede in der Frequenzdarstellung des Overtone Analyzer. Diese Rückkopplung hat meine Treffsicherheit für Problemstellen und die Genauigkeit meiner Analyse sehr verfeinert.

Dies hilft mir gleichzeitig auch noch ein Problem im Umgang mit Schülern zu lösen.

Ein Anfänger hat nämlich zu Beginn seiner Ausbildung diese Fähigkeiten der akustischen Analyse noch nicht und muss meinen Aussagen blind vertrauen. Normalerweise dauert es bei einem neuen Schüler eine ganze Weile, bis er mich genügend kennt und mir dieses Vertrauen bedingungslos schenkt. Ich benutze den Overtone Analyzer nun als „Übersetzer“ eines akustischen Musters in ein optisches. Da die meisten Menschen in der optischen Analyse wesentlich fähiger sind, kann der Schüler so sehr leicht die wichtigen Unterschiede erkennen. (Einen Webfehler oder eine Farb- Veränderung im Lack sieht schließlich auch ein ansonsten ahnungsloser Laie sofort.) Da er parallel dazu den Klang hört, ist er wesentlich schneller in der Lage das tonale Muster auszumachen, als im Normalfall. Auf diese Weise entwickelt sich die akustische Vorstellung und Analyse extrem schnell und der Sänger wird in seiner Urteilsfähigkeit autonom. Dies gibt ihm Sicherheit wenn er alleine ohne Lehrer üben oder singen muss. Er kann sich an seiner Wahrnehmung orientieren und nicht wie ein dressierter Papagei an den Gesten oder Mienen seines Lehrers. Der Overtone Analyzer ist in diesem Falle ein Simultan-Übersetzer des akustischen Ablaufes in ein optisches Muster, das der Sänger dann zunehmend in ein taktiles Muster umwandeln kann. Dadurch wird der Lernvorgang enorm beschleunigt.

Ein anderes Problem, mit dem ich als Lehrer oft konfrontiert bin, ist die hyperkritische Art, mit der viele Schüler ihre eigene Stimme betrachten. Besonders erfahrene Sänger, die zum Coaching kommen oder Schüler die schon älter sind, wenn sie mit dem Gesangsunterricht anfangen, neigen dazu, sehr misstrauisch zu sein wenn ich sie lobe. (Vielleicht vermuten sie, dass ich sie nur lobe, damit sie sich wohl fühlen und bei mir bleiben.) Mit dem Overtone Analyzer ist es mir möglich, jede Beurteilung die ich gebe, mit messbaren Fakten zu untermauern. Ich kann z.B. mit dem eingebauten Tongenerator und der Frequenzangabe in Hz oder in Cent sofort nachweisen, ob ein Ton „sauber“ in der Höhe war. Und mit der Wiederholfunktion kann ich die gesungene Stelle als “Schleife“ laufen lassen, bis es auch der Schüler gehört hat. Er muss mir also nicht vertrauen, sondern seinen eigenen Sinnen. Wenn er einigen Male erlebt hat, dass meine Hinweise korrekt sind, ist er meist auch in der Lage ein Lob anzunehmen. Dies steigert die Lerngeschwindigkeit deutlich.

Stimmarbeit ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit (Seele). Dies ist sehr intim und oft hochemotional. Eine Kritik an der Stimme wird (vor allem von emotional unsicheren Menschen) sehr schnell als Kritik an der Person an sich empfunden. Das erzeugt bei solchen Schülern extreme Ängste, die sie verspannen und entmutigen. Manche geben aufgrund dessen den Versuch, singen zu lernen, sogar ganz auf. Wenn nicht, so sind sie meist trotzdem völlig verspannt und etwas panisch (wie ein Pferd, kurz vor dem Durchgehen). Bei manchen Schülern ist in dieser Phase eine eher traurige oder verzweifelte Stimmung zu bemerken, andere hingegen können ein fast hysterisch fröhlich – albernes Verhalten an den Tag legen. Solchen Schülern ist nur schwer zu helfen, weil der Lehrer jedes Wort „auf die Goldwaage“ legen muss.

Ich benutze in solchen Fällen den Overtone Analyzer als „wissenschaftlich neutralen“ Filter, mit dem wir die Stimme (gemeinsam) analysieren. Ich lasse den Sänger nur kurze Sequenzen oder Übungen singen. Dabei bitte ich ihn, eine Version so wie immer zu singen und dann eine Version mit der, von mir vorgeschlagenen Korrektur. Danach spielen wir die beiden Versuche mehrmals vergleichend ab und ich frage den Schüler, was er selbst hört und sieht. Durch dieses „Forscherspiel“ bemerkt der Schüler seine Fehler selbst und lernt sich realistisch einzuschätzen. Meist hat er nach kurzer Zeit seine Ängste besser im Griff und kann dann auch mir vertrauen. Wann immer er verunsichert reagiert, kehre ich mit ihm zu dieser Art der Arbeit zurück. Dies ist besonders wirkungsvoll bei Schülern, die durch zu strenge oder unsystematische Lehrer schlechte Erfahrungen mit dem Lernen an sich gemacht haben. Ich erreiche auf diese Weise sehr schnell kleine Erfolge, die den Schüler ermutigen „dran“ zu bleiben. Es hat früher oft ein halbes Jahr (oder mehr!) gedauert, bis ein Neuling völlig „angekommen“ war und wir richtig stramm arbeiten konnten. Jetzt sind es in den meisten Fällen höchstens zwei Monate.

Selbst bei ansonsten unbelasteten Schülern oder bei erfahrenen Profisängern erhöht die andere Herangehensweise an die Stimme den „Spaßfaktor“ deutlich. Es ist sozusagen „Malen mit der Stimme“. Viele experimentieren plötzlich spontan mit Techniken, auf die sie von alleine nicht kommen würden. So kann ich selbst 12-13 jährige „Kichererbsen“ bei der Stange halten und sie auf hohem Niveau Gesangsunterrichten ohne, dass sie es als Arbeit empfinden und sich langweilen. Manchmal muss ich sie sogar regelrecht „rausschmeißen“, weil sie unbedingt noch schnell etwas ausprobieren möchten, während der nächste Schüler schon im Flur steht.

Es besteht natürlich die Möglichkeit, ein solches (vielleicht vereinfachtes) Programm einem Schüler auch mit zu geben. Es ist jedoch meiner Meinung nach nicht grundsätzlich notwendig um die beschriebenen Lerneffekte zu erreichen. Die Benutzung des Overtone Analyzer beim Gesangsunterricht und die Konfrontation mit den Fakten erzeugt meiner Erfahrung nach auch so einen nachhaltigen Eindruck. Nützlich wäre eine solche Lösung hingegen bei fortgeschritteneren Sängern zur kontinuierlichen Selbstkontrolle beim täglichen Training.

 

Fazit:

Ein Vorteil bei der Benutzung des Overtone Analyzer liegt für mich in der enormen Zeitersparnis. Dies gilt erstens für die Zeit die ich benötige, bis der Schüler mir vertraut. Zweitens wird auch die Zeit, die ein Schüler vom Erkennen des Fehlers bis zur Umsetzung des Lernstoffs braucht, massiv verkürzt.

Ein anderer Vorteil des Programms ist die Präzision der Stimmanalyse und die flexible Einstellbarkeit der Darstellung, der Funktionen (und ihrer Kombination) und der Speicherung.

Ein weiterer Vorteil ist der simple Aufbau des Programms, der sowohl beim Erlernen der Bedienung, als auch in der späteren Anwendung im Gesangsunterricht wenig Zeit braucht.

Der letzte Vorteil sind die verhältnismäßig geringen Kosten. Ich benötige nur einen durchschnittlichen Büro-Computer mit USB- Anschluss, eine USB- Verlängerung (ca.3m) und ein mittelgutes USB- Micro. Die Dateien kann ich auf einer externen Festplatte speichern, wenn ich sie als wav.– Format brauche. MP3 s passen sogar auf die interne Festplatte. Das Programm ist im Vergleich zu wissenschaftlichen Analyseprogrammen recht preiswert (wobei es auch noch drei unterschiedliche Versionen gibt).

Mit dieser Ausstattung habe ich dann eine Aufnahmefunktion, eine Schneidetischfunktion, eine Visualisierung und eine komplette (wissenschaftlich korrekte!) Stimmanalyse zur Verfügung.


 

Cordula Maria Ledwoch ( geb. 1964 in Deutschland) ist Sopranistin und Diplom-Gesanglehrerin.